Wann haben wir angefangen, das Leben nach seinen künstlichen Voraussetzungen zu bewerten?
Stellen wir uns einmal einen Menschen vor, der aus einer sehr frühen Entwicklungsstufe der
Menschheitsgeschichte in unsere heutige Zeit gelangen würde.
Dieser Mensch hätte viele unserer heutigen gesellschaftlichen Muster niemals kennengelernt. Er hätte keine
modernen Schulabschlüsse, keine akademischen Qualifikationen, keine Kenntnisse über Computer, Smartphones, Banken, Versicherungen, Behörden, soziale Netzwerke oder künstliche
Intelligenz.
Er wäre auf eine vollkommen andere Lebenswelt geprägt.
Nun steht dieser Mensch plötzlich mitten in unserer modernen Gesellschaft.
Wie viel müsste er lernen, nur um überhaupt dazugehören zu können?
Wie viele unserer künstlich entstandenen Regeln müsste er verstehen, bevor wir bereit wären zu
sagen:
Du gehörst zu uns. Du bist Teil unserer Gesellschaft.
Dabei wäre dieser Mensch doch längst ein Mensch.
Sein menschliches Leben wäre nicht erst durch einen Schulabschluss, ein Studium, einen Beruf, einen Computer
oder eine Qualifikation entstanden. Sein Leben entstand – wie unseres – aus den biologischen Grundlagen der menschlichen Fortpflanzung, aus Samen und Ei und dem anschließenden Entwicklungsweg des
Lebens.
Die künstlichen Systeme kamen später.
Und genau deshalb sollten wir einmal darüber nachdenken, was wir eigentlich tun.
Mit jeder Generation sind unsere gesellschaftlichen Systeme komplizierter geworden. Wir haben Schulen,
Qualifikationen, Berufe, Verwaltungen, Gesetze, technische Systeme, Computerprogramme und inzwischen künstliche Intelligenz entwickelt.
Viele dieser Entwicklungen sind hilfreich und wichtig.
Aber irgendwann besteht die Gefahr, dass wir vergessen, dass der Mensch vor seinen künstlich
geschaffenen Systemen steht und nicht erst durch diese Systeme seinen menschlichen Wert erhält.
Was geschieht mit Menschen, die bei dieser immer schnelleren Entwicklung nicht mithalten
können?
Was geschieht mit jemandem, der bestimmte schulische Voraussetzungen nicht erfüllt, komplizierte digitale
Systeme nicht versteht oder sich nicht problemlos in gesellschaftlich erwartete Muster einfügen kann?
Sagen wir dann irgendwann:
Du passt nicht mehr hinein?
Oder fragen wir:
Wie gestalten wir unsere Systeme so, dass auch dieser Mensch weiterhin dazugehören
kann?
Vielleicht sollten wir gerade deshalb vorsichtig sein, wenn wir heute sagen:
„Wir haben Angst vor künstlicher Intelligenz, weil sie etwas Künstliches in unser Leben
bringt.“
Denn lange bevor es die heutige KI gab, lebten wir bereits in einer Welt voller künstlich geschaffener
Strukturen.
Geld ist ein menschliches System.
Schulabschlüsse sind menschlich geschaffene Einordnungen.
Berufsqualifikationen sind menschlich geschaffene Kategorien.
Staatsgrenzen, Verwaltungen und viele gesellschaftliche Regeln wurden von Menschen
entwickelt.
Technik wurde von Menschen entwickelt.
Und nun kommt künstliche Intelligenz als eine weitere technische Entwicklung hinzu.
Die entscheidende Frage lautet deshalb für mich nicht einfach:
Ist etwas künstlich oder natürlich?
Sondern:
Was machen wir Menschen damit?
Dient ein künstlich geschaffenes System dem Menschen – oder beginnen wir irgendwann, den Menschen nach den
Anforderungen dieses Systems zu bewerten?
Und genau hier sollten wir auch diejenigen nicht vergessen, denen es schwerer fällt, mit der zunehmenden
Komplexität Schritt zu halten.
Sie sind nicht weniger Mensch.
Sie stehen nicht außerhalb des Lebens.
Und sie dürfen nicht deshalb an den Rand gestellt werden, weil eine künstlich geschaffene Gesellschaft
Anforderungen entwickelt hat, die sie nicht oder nur schwer erfüllen können.
Genauso sollten wir eine künstliche Intelligenz nicht zum Feind erklären, nur weil sie künstlich geschaffen
wurde. Sie ist ein Werkzeug und eine technische Entwicklung, mit der Menschen umgehen und für deren Einsatz Menschen Verantwortung übernehmen müssen.
Vielleicht sollten wir deshalb nicht ausschließlich darüber sprechen, wie weit sich Menschen an unsere immer
komplizierter werdenden Systeme anpassen müssen.
Vielleicht sollten wir auch die umgekehrte Frage stellen:
Wie weit müssen sich unsere künstlich geschaffenen Systeme wieder dem Menschen
anpassen?
Denn bevor es Zeugnisse, Titel, Geld, Computer, Smartphones oder künstliche Intelligenz gab, gab es bereits
menschliches Leben.
Wir sollten unsere Entwicklungen nutzen, ohne diejenigen zurückzulassen, die einen anderen Zugang zu ihnen
benötigen.
Wenn wir darüber sprechen wollen, was künstliche Intelligenz mit dem Menschen macht, sollten wir
deshalb zuerst wieder darüber sprechen, was unsere gesamte künstlich geschaffene Welt längst mit dem Menschen gemacht hat.
Und dann sollten wir wieder über das Leben sprechen.